21. November 2022

Konferenzbericht: 3. Informationskompetenz-Tag DACH 2022

Der 3. Informationskompetenz-Tag Österreich/Deutschland/Schweiz 2022 fand am 14./15. Februar 2022 an der Universität Wien statt. Die Webseite zur Tagung finden Sie auf http://www.informationskompetenz.or.at/.

Das inzwischen etablierte Format der Informationskompetenz-Tage wird von den Kommissionen für Informationskompetenz der Bibliotheksverbände Österreichs und Deutschlands sowie der Schweizer AG Informationskompetenz veranstaltet und bietet eine offene Plattform für den Austausch neuer Ideen, Aktivitäten und Projekte zur Vermittlung von Informationskompetenz im deutschsprachigen Raum. Nach den mit großem Erfolg durchgeführten ersten beiden Informationskompetenz-Tagen in Innsbruck am 16./17.2.2017 sowie in Bamberg am 13./14.09.2018 wurde festgelegt, die Folgeveranstaltung 2020 in Luzern durchzuführen. Da zum Zeitpunkt der konkreten Planung im Frühjahr 2020 noch keine Routine in virtuellen Tagungsformaten herrschte, trafen die nationalen Kommissionen die Entscheidung, die Konferenz in der Schweiz pandemiebedingt ausfallen zu lassen und entsprechend dem Turnus die Folgekonferenz in Österreich durchzuführen. Als sich im Herbst des Jahres 2021 schließlich abzeichnete, dass durch die noch immer anhaltende Pandemie auch am anvisierten Tagungsort Wien der 3. Informationskompetenz-Tag voraussichtlich nicht als Präsenzveranstaltung durchgeführt werden konnte, standen die drei nationalen Kommissionen erneut vor der Entscheidung, die Konferenz entweder erneut ausfallen zu lassen oder aber den Versuch zu unternehmen, das virtuelle Format zu erproben. Die Entscheidung fiel zugunsten der Online-Konferenz – und dieses war genau die richtige Entscheidung, wie die Zahl von etwa 300 Anmeldungen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz beeindruckend belegte.

Das im Call for Papers vorgeschlagene Themenspektrum adressierte den Übergang von der Schule zur Universität, die Auswirkung der Digitalisierung, den Umgang mit Diversity, Besonderheiten verschiedener Zielgruppen, die praktische Umsetzung des Frameworks for Information Literacy for Higher Education in Schulungen/Unterricht und Bezüge zum Lebenslangen Lernen. Aus den sehr interessanten Einreichungen kristallisierten sich schließlich als Schwerpunktthemen das Verständnis von Wissenschaft(en), Open Educational Resources sowie die Frage nach Digitalen Kompetenzen Studierender heraus. Dieses inhaltliche Spektrum erwies sich als außerordentlich passend und ließ sich ausgezeichnet verbinden mit dem von den Kommissionen als ein Tagungsgegenstand vorgeschlagenen Framework for Information Literacy for Higher Education, dessen erste Übersetzung ins Deutsche die Gemeinsame Kommission Informationskompetenz von dbv und VDB initiiert und realisiert hatte (o-bib 8 (2021) 2). Das vielfältige und abwechslungsreiche Tagungsprogramm umfasste neben eingeladenen Keynotes und Vorträgen mehrere Workshops, eine Postersession mit vielfältigen Beiträgen sowie eine Unkonferenz. Natürlich wurde auch der persönliche Austausch umfassend bei der Planung berücksichtigt.

Bevor wir die Tagung Revue passieren lassen, gebührt ein besonderer Dank an Dr. Michaela Zemanek (Universität Wien) Vorsitzende der Kommission Informationskompetenz der Vereinigung Österreichischer Bibliothekarinnen und Bibliothekare und an die Universitätsbibliothek Bamberg mit Dr. Fabian Franke, dessen Team die virtuellen Konferenzräume nicht nur zur Verfügung stellte, sondern auch professionell betreute.

Der erste Konferenztag, 14. Februar 2022, wurde von der Wiener Gastgeberin, Dr. Michaela Zemanek, Dr. Oliver Schoenbeck (Gemeinsame Kommission Informationskompetenz des dbv und VDB) und Gary Seitz (Arbeitsgruppe Informationskompetenz an Schweizer Hochschulen) eröffnet.

Die Keynote zum Thema hielt Dr. Dorothe Kienhues, Dipl. Psych. (Zentrum für Hochschullehre, Westfälische Wilhelms-Universität Münster). Wissenschaft sei, so die eingangs formulierte These, integraler Bestandteil gesellschaftlichen Wissens in einer demokratischen Gesellschaft und notwendig für einen rationalen Diskurs. Wissenschaft sei im Alltag präsent, wie Themen aus dem Bereich Gesundheit oder Klimapolitik verdeutlichen. Am Beispiel des Schweizer Wissenschaftsbarometers 2019 wurde das Interesse an unterschiedlichen Themen verdeutlicht. Im Folgenden differenzierte Kienhues zentrale Faktoren des Wissenschaftsverständnisses der Öffentlichkeit(en). Ziel sei die Stärkung der epistemischen Autorität von Wissenschaft im Sinne der „Auffassung, dass Wissenschaftler*innen (die Wissenschaft als Institution) die Fähigkeit haben, wahre Überzeugungen (=Wissen) bzgl. der Themen einer Disziplin zu erlangen und falsche Überzeugungen zu vermeiden“. Kienhus identifizierte und behandelte als „Gefährdungswege epistemischer Autorität“: „Verwebungen zwischen Werten und Wissenschaft“, „Soziale Natur von Wissenschaft: Aushandlungsprozesse“ und „Begrenztheit: Unsicherheit wissenschaftlichen Wissens“. Im Ergebnis gelangt Kienhues zur Einschätzung, dass eine Förderung des Wissenschaftsverständnisses folgende Aspekte umfasst: „Wissen über den Wissenschaftsprozess, Revidierbarkeit, Unsicherheit, (Kind & Osborne, 2017, Mercier, 2017)“, „Verständnis, wie Behauptungen, Modelle und Theorien in der Wissenschaft legitimiert werden (Sandoval, 2013)“, „Verständnis der integralen Rolle von Argumentation und Kommunikation in der Konstruktion wissenschaftlicher Erkenntnis (Kienhues, Thomm & Bromme, 2018)“ sowie „Verständnis der Rolle von Wissenschaft in der Gesellschaft (Lehrstück Corona?) – „Politiker*innen machen Politik, Wissenschaftler*innen machen Wissenschaft!“ (Anm. Red.: Folien vorhanden)

Im Anschluss an den inspirierenden Vortrag Kienhues‘ folgten drei parallele Workshops:

  • „Informationskompetenz an Regionalbibliotheken – alles anders, alles gleich?“ (Maren Krähling-Pilarek, M. A. (Badische Landesbibliothek) & Dr. Oliver Schoenbeck, (Bibliotheks- und Informationssystem Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) – Regionalbibliotheken bieten ein breites Spektrum an Beständen, Spezialisierungen, Nutzergruppen und Versorgungsaufträgen. Während für die Universitäts- und Hochschulbibliotheken als die „anderen“ wissenschaftlichen Bibliotheken zunächst einmal eine recht klare Rolle in der Bildungslandschaft angenommen werden kann, stellt sich bei Regionalbibliotheken die Frage, was Informationskompetenz als Aufgabe für sie bedeuten kann, angesichts ihrer heterogenen Zielgruppen und Aufgaben. Ausgehend vom Framework for Information Literacy bot der Workshop eine Möglichkeit für einen ersten Austausch mit der Perspektive, ein Netzwerk für die weitere Zusammenarbeit zu gründen.
  • „Hilft die deutsche Übersetzung? Das Framework Informationskompetenz im Praxistest“ (Dr. Sabine Rauchmann (Bibliothek WISO/BWL, Universität Hamburg), Dr. Timo Steyer, (Universitätsbibliothek Braunschweig) & Dr. Marcus Schröter (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Universitätsbibliothek). – Bezug nehmend auf die 2021 in o-bib 8 (2021) 2 publizierte erste deutsche Gesamtübersetzung des Framework for Information Literacy wurde die Genese der Übersetzung skizziert und am Beispiel der drei ausgewählten Frames „Autorität ist konstruiert und kontextbezogen“, „Wissenschaft als Diskurs“ und „Suche als strategische Erkundung“ gemeinsam diskutiert, ob die detaillierte Übersetzung der Frames mit Wissenspraktiken und Dispositionen konkrete Impulse für eine Veränderung der Praxis der Förderung von Informationskompetenz gegeben hat.
  • „Informationskompetenz für Studienanfänger*innen: Denken über Wissenschaft“ (Dr. Michaela Zemanek (Universitätsbibliothek Wien, Universität Wien). – Vorstellungen über die Entstehung und Verlässlichkeit sowie über den Erwerb von Wissen sind für Studienanfänger*innen eine wichtige Grundlage für das Verständnis von Wissenschaft und Forschung. Auf diese Vorstellungen nehmen insbesondere das Framework for Information Literacy for Higher Education der Association of College & Research Libraries (ACRL) und das Konzept der Epistemischen Überzeugungen. Die ACRL formulierte in ihrem Framework Schwellenkonzepte, die für Studierende wichtige Einsichten für einen kompetenten Umgang mit Informationen im Wissenschaftskontext darstellen. Der Begriff Epistemische Überzeugungen aus dem Bereich der Bildungswissenschaften steht für subjektive Theorien einer Person über Wissen und seine Entstehung. Im Workshop wurde gezeigt, wie man diese Vorstellungen und Einsichten im Rahmen der Vermittlung von Informationskompetenz ansprechen und fördern kann und die Teilnehmer*innen angeregt, Ideen für ihre eigenen Fachbereiche bzw. Kontexte zu entwickeln.

Der Nachmittag des ersten Tages der Konferenz wurde eröffnet durch den Vortrag „Kompetenzentwicklung und Austausch zu offenen Bildungsressourcen (OER) im deutschsprachigen Raum: Angebote und Entwicklungen“ von Dr. Sandra Schön (Lehr- und Lerntechnologien, Technische Universität Graz). Schön näherte sich ihrem Thema unter der Perspektive eines jeden Lehrenden, der für seine Veranstaltungen die bestmöglichen Bildungsressourcen für ihre Lernenden präsentieren möchte. Dies geschehe gewöhnlich durch Sammeln, Auswählen, Mischen, Anpassen, Aktualisieren, Erstellen von Bildungsressourcen. Doch hier beginnen die Probleme, die insbesondere durch das Urheberrecht verursacht werden. Lösungen bieten beispielsweise die von der „UNESCO Recommendation on OER“ 2019 empfohlenen offenen Lizenzen. Interessant waren Schöns Hinweise nicht nur auf die Informationsseiten OER World Map, OERinfo und open education austria, sondern auch auf den Online-Kurs zu OER der Universität Graz. Schließlich könne, so Schön, eine nachhaltige Verankerung der OER nur durch klare Positionierungen der Universitäten und Hochschulen in Gestalt von Policies und Strategien erfolgen.

Im Anschluss folgte im Plenum Teil 1 der Postersession mit den vorab von den Referentinnen und Referenten eingereichten Videopräsentationen ihrer Poster:

Im anschließenden Teil 2 der Postersession konnten interessierte Kolleginnen und Kollegen mit den Referentinnen und Referenten der Videopräsentationen in entsprechenden Breakout-Rooms ihre Projekte diskutieren.

Der zweite Konferenztag, 15. Februar 2022, wurde eröffnet mit dem Plenums-Vortrag „Digitale Kompetenzen von Studierenden – braucht es eine vierte Kulturtechnik?“ von Mag. Dr. Michael Kopp (Zentrum für digitales Lehren und Lernen, Karl-Franzens-Universität Graz) & Dr. Gerlinde Janschitz, (Pädagogische Hochschule Steiermark). Ziel des zwischen 2019 und 2021 an der Universität Graz durchgeführten Projektes war die Erhebung der Selbsteinschätzung von Studienanfänger*innen zu ihren digitalen Kompetenzen, um daraus Handlungsempfehlungen für den didaktisch motivierten Einsatz von Lehr-/Lerntechnologien abzuleiten. Hierbei wurden zwölf inhaltliche Themenblöcke durch 113 Frage-Items operationalisiert. Ausgewertet wurden 7079 ausgefüllte Fragebögen mit einer Rücklaufquote von 80% im Erhebungszeitraum September bis November 2019. Zu den außerordentlich interessanten Ergebnissen zählten die Erkenntnis auf einem „Digitalisierungsindex“, dass 70% der Teilnehmenden der Studie der „digitalen Mitte“ zuzuordnen sind – davon 60% Frauen und 40% Männer. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen wird die „Digitale Kompetenz“ als vierte Kulturtechnik postuliert. Als Handlungsempfehlungen für Hochschulen werden standardisierte Eingangstests oder Self-Assessments zum Stand des Digitalisierungsgrades zu Studienbeginn vorgeschlagen.

Nach diesem Einblick in das österreichische Projekt folgte – inhaltlich darauf abgestimmt – eine deutsche Perspektive im Vortrag „Digitale Kompetenzen von Studierenden auf dem Prüfstand: Selbsteinschätzung und Wissen“ von Dr. René Krempkow (Stabsstelle Qualitätsmanagement der Humboldt Universität Berlin) & Dr. Maria Gäde (Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt Universität Berlin). Auch die hier präsentierte Studie geht von der These aus, dass der kompetente Umgang mit digitalen Technologien zentrale Voraussetzung für die Arbeitswelt und für gesellschaftliche Teilhabe ist, in QM-Instrumenten bisher aber oft die Erfassung fächerübergreifender und digitaler Kompetenzen fehlte. Digitale Kompetenzen werden im Sinne Digitaler Bildung verstanden und zwischen technologischen, ethischen, gesellschaftlichen und sozialen Aspekten unterschieden. Grundlage der Erhebung ist das 2017 publizierte Digital Competence Framework for Citizens (DigComp2.1) mit den fünf Dimensionen Datenverarbeitung und -bewertung, Kommunikation und Zusammenarbeit, Erstellen von Inhalten, Sicherheit und Problemlösung. Das 2019/20 an der Humboldt Universität zu Berlin pilotierte Erhebungsinstrument erwies sich als praktikabel und wurde 2020/21 an den Universitäten Freiburg, Köln und Gießen eingesetzt.

Nach diesem außerordentlich reichhaltigen Input des Vormittags klang der 3. Informationskompetenz-Tag Österreich/Deutschland/Schweiz 2022 in einem dialogischen und kollaborativen Format aus. Nach den äußerst positiven Erfahrungen in Bamberg war eine Unkonferenz vorgesehen, das trotz anfänglicher Bedenken wegen des virtuellen Settings ausgezeichnet funktionierte. Nachdem während des gesamten ersten Konferenztages auf einem Padlet, einer virtuellen Pinnwand, Themen für das die Unkonferenz gesammelt wurden, fand zu Beginn des zweiten Konferenztages die Abstimmung statt. Diskutiert wurden unter anderem die Themen:

  • Hilfe zur Selbsthilfe… auf allen Ebenen. Thema Pragmatismus und Ressourcenknappheit
  • Forschende unterstützen: Systematic Reviews aus bibliothekarischer Sicht
  • Vermittlung von IK zum Thema „Predatory Journals“
  • Problemfall Citavi
  • Bibliotheken vs. Fake Science: Was ist passiert seit dem „Wissenschaftsskandal“ 2018, was tun Bibliotheken gegen predatory publishing und Fake Science, wo gibt es Good Practice für kritische Informationskompetenz?
  • OER für IK
  • Zurück in die Zukunft? Vermittlung von Informationskompetenz in post-pandemischen Zeiten: synchron in Präsenz bzw. online, asynchron, oder hybrid?

Da das digitale Format bei der Unkonferenz trotz der großen Beteiligung so ausgezeichnet funktionierte, war der Zeitraum von einer Stunde möglicherweise etwas knapp bemessen, so dass die Themen zwar intensiv andiskutiert wurden, die Vertiefung aber oft in Vieraugengespräche nach Abschluss der Konferenz verlegt werden musste. Das Ziel der diesjährigen Zusammenkunft, neue Gesprächsthemen mit neuen Kontakten aufzunehmen, wurde auf diese Weise aber in jedem Fall erreicht.

Abgerundet wurde der 3. Informationskompetenztag Österreich/Deutschland/Schweiz durch die Abschlussdiskussion und die Bekanntgabe der zwischen den nationalen Arbeitsgruppen bereits im Vorfeld besprochenen Perspektive, dass vor dem Hintergrund der 2020 ausgefallenen Konferenz in Luzern die Schweiz den 4. Informationskompetenztag 2024 in Zürich ausrichten würde. Zürich ist für unsere trinationale Konferenz nicht nur ein geografisch günstiger Ort, sondern durch seine vielfältige Bibliothekslandschaft besonders attraktiv – nicht zuletzt durch die Neukonzeption der Universitätsbibliothek. Auf ein Wiedersehen also in Zürich!

Nachbemerkung der Veranstalter: Wir, die Kommissionen für Informationskompetenz der Bibliotheksverbände Österreichs und Deutschlands sowie die Schweizer AG Informationskompetenz bedanken uns herzlich für das ermunternde Feedback! Nicht nur das für diese Konferenz neue Online-Format wurde als besonders attraktiv und unkompliziert empfunden, sondern auch Auswahl der Themen, die Referentinnen und Referenten, die Unkonferenz und die zahlreichen Diskussionen wurden besonders gelobt. Die Anregungen für Themen für Zürich nehmen die Veranstalter gerne in ihre Planungen auf.

(Schröter / Steyer / Schönbeck / Zemanek, 20.10.2022)